Ich weiß nicht, was es ist, das meinen Blick an ihm hängen bleiben lässt.

Vielleicht seine Hände.

Eine davon liegt um seine Kaffeetasse, während die andere den Löffel durch das Marmeladenglas bewegt. Langsam, beinahe gedankenverloren. Seine Haare sind noch ein bisschen zerzaust und sein T-Shirt sitzt schief auf einer Schulter.

Eigentlich kenne ich diesen Anblick.

Und trotzdem schaue ich hin.

Er hebt den Blick.

„Was?“

„Nichts.“

Ich lächle, aber ich schaue nicht weg.

Für einen Moment sehen wir uns einfach an. Nicht besonders bedeutungsvoll. Jedenfalls könnte ich nicht sagen, was dieser Blick bedeutet.

Nur dass ich ihn gerade gerne anschaue.

Er zieht den Löffel aus dem Glas.

„Willst du?“

Ich nicke.

Statt die Marmelade auf mein Brot zu streichen, hält er mir den Löffel hin.

Ich beuge mich vor und nehme sie mit dem Mund davon. Süß. Ein bisschen zu süß eigentlich. Als ich mich wieder zurücklehne, sieht er mich noch immer an.

„Gut?“

„Mhm.“

Sein Mund verzieht sich zu einem kleinen Grinsen.

Vielleicht ist es dieser Blick. Vielleicht die Marmelade. Vielleicht überhaupt nichts davon.

Ich stehe auf, gehe um den Tisch herum und stelle mich zwischen seine Beine.

Er legt seine Hände an meine Hüften.

Ich küsse ihn.

Und erst einmal passiert – erstaunlich wenig.

Sein Mund ist warm. Seine Lippen fühlen sich anders an als meine. Natürlich tun sie das. Für einen Moment habe ich beinahe das Gefühl, mein Mund müsse erst verstehen, was er mit diesem anderen Mund anfangen möchte.

Also lasse ich ihn.

Unsere Lippen berühren sich, lösen sich wieder, finden einen anderen Winkel. Ein wenig mehr von seiner Unterlippe. Dann weniger. Sein Atem streift meine Haut, wenn wir uns für einen Moment voneinander lösen.

Kein Feuerwerk.

Aber ich möchte auch nicht aufhören.

Irgendwann lösen sich unsere Münder ganz voneinander.

Nur ein paar Zentimeter.

Ich öffne die Augen und sehe ihn an.

Er sieht zurück.

Seine Hände liegen noch immer an meinen Hüften. Keine von uns beiden bewegt sich.

Und in seinem Gesicht ist etwas, das ich nicht benennen muss. Vielleicht nur dieselbe kleine Verwunderung, die ich selbst spüre.

Oh.

Das ist schön hier.

Nicht überwältigend. Nicht atemraubend.

Einfach schön.

Ich merke, dass ich lächle. Nur ganz leicht.

Er auch.

Dann kommt sein Mund wieder näher.

Diesmal empfange ich ihn anders.

Vielleicht weil mein Körper inzwischen weiß, dass ich bleiben möchte. Vielleicht weil sein Mund nicht mehr ganz neu ist. Meine Lippen werden weicher, mein Kiefer lässt ein wenig los, und als ich seinen Atem wieder an meinem Gesicht spüre, bemerke ich auch meinen eigenen.

Er ist tiefer geworden.

Nicht viel.

Aber genug, dass ich ihn spüre.

Ein Atemzug, während unsere Münder sich lösen.

Noch einer, als sie sich wiederfinden.

Und diesmal macht der Kuss etwas mit mir.

Keine Explosion.

Eher Wärme, die sich langsam ausbreitet.

Als wir uns wieder voneinander lösen, bleibt seine Stirn kurz an meiner. Ich weiß nicht, wer von uns zuerst in Richtung Schlafzimmer schaut.

Vielleicht ist es auch egal.

„Komm“, sage ich.

Auf dem Bett landet er halb neben, halb auf mir. Sein Knie bleibt irgendwo hängen und er flucht leise.

Ich muss lachen.

„Sehr elegant.“

„Danke.“

Dann findet er eine Position.

Und plötzlich spüre ich viel von ihm gleichzeitig.

Das Gewicht seines Körpers. Seine Brust an meiner. Die Wärme, die selbst durch unsere T-Shirts hindurchkommt. Seine Hand, die an meiner Seite entlangstreicht und dort für einen Moment liegen bleibt. Seine Finger an meinem Rücken. Die Handfläche an meiner Hüfte.

Manche seiner Berührungen sind so beiläufig, dass ich nicht weiß, ob er sie überhaupt bewusst macht.

Aber mein Körper bemerkt sie.

Wir küssen uns wieder.

Ich schiebe meine Hand unter sein T-Shirt und lege sie auf seinen Rücken.

Haut.

Warm und glatt und an manchen Stellen ein wenig feucht.

Ich lasse meine Hand einfach dort liegen.

Sein Rücken bewegt sich mit seinem Atem gegen meine Handfläche.

Einatmen.

Ausatmen.

Seine Finger wandern über meinen Arm, über meine Schulter, bleiben kurz an meinem Nacken liegen. Nicht suchend. Nicht so, als gäbe es dort etwas Bestimmtes zu finden.

Einfach Berührung.

Ich mag, wie unterschiedlich sich seine Hände anfühlen können. Mal nur die Fingerspitzen. Dann die ganze warme Fläche seiner Hand. Mal streicht sie. Mal liegt sie einfach schwer auf mir.

Und irgendwann bemerke ich, dass sich noch etwas bewegt.

Mein Becken.

Ich habe nicht beschlossen, damit anzufangen.

Es ist einfach passiert.

Eine kleine Bewegung nach vorne, während ich ihn küsse. Ein Zurückgleiten. Dann wieder nach vorne.

Fast so, als hätte mein Becken schon eine Weile mitgehört und sich nun entschieden, ebenfalls etwas zu sagen.

Ich lasse es.

Beim nächsten Kuss wird die Bewegung etwas größer.

Und dann spüre ich, dass sein Becken antwortet.

Nicht sofort.

Nicht exakt.

Es kopiert mich nicht.

Sein Becken hört meinem zu.

Ich werde langsamer und er bleibt irgendwo bei mir. Ich verändere meine Bewegung, und seine verändert sich ebenfalls. Manchmal kommt er mir entgegen, manchmal folgt er mir ein kleines Stück. Manchmal passt es für einige Bewegungen vollkommen selbstverständlich zusammen, bevor wir uns wieder verlieren.

Und das gefällt mir fast noch besser.

Dass wir uns nicht perfekt bewegen.

Dass wir uns immer wieder finden.

Wir küssen uns dabei weiter. Mein Mund wird weicher, dann entschiedener, dann wieder weich. Ich merke, wie sich mein Atem verändert, wie ich manchmal mitten im Kuss tiefer Luft hole und mein Brustkorb sich gegen seinen hebt.

Mein Becken reagiert darauf.

Oder mein Atem auf mein Becken.

Oder sein Mund auf beides.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich mich darüber freue, ihm so nah zu sein und gleichzeitig Platz zu haben.

Ich kann näher kommen und wieder weicher werden. Kann mich einen Moment ganz in die Berührung sinken lassen und mich kurz darauf wieder ein kleines Stück lösen.

Nähe, die Raum lässt.

Vielleicht ist es genau das, was mich immer weiter spielen lässt.

Und ich merke, dass ich nirgendwohin möchte.

Ich sehe ihn an und erlaube mir den Gedanken, dass er das in diesem Moment genauso sieht.

Dann freue ich mich einfach darauf zu erfahren, welche Bewegung als Nächstes entstehen will.

Und irgendwann entsteht keine.

Mein Körper wird still.

Seiner auch.

Unser Kuss endet.

Er lässt seinen Kopf neben meinen sinken.

Eine Weile liegen wir da.

Mein Atem ist hörbarer als vorher. Seiner auch. Nach und nach werden die Abstände zwischen den Atemzügen länger.

Ich streiche einmal über seinen Rücken und lasse meine Hand dann liegen.

„Die Marmelade ist übrigens wirklich zu süß“, sage ich.

Er hebt den Kopf.

„Jetzt plötzlich?“

„Ich dachte das vorher schon.“

„Und trotzdem hast du meinen Löffel abgeleckt.“

Ich grinse.

„Das hatte andere Gründe.“

Er lacht und rollt von mir herunter.

Und für eine Weile passiert tatsächlich nichts.

Wir liegen nebeneinander. Reden. Schweigen wieder. Irgendwann steht er auf und holt Wasser.

Ich schaue ihm hinterher und denke nicht: Gleich machen wir weiter.

Vielleicht machen wir weiter.

Vielleicht auch nicht.

Als er zurückkommt, reicht er mir das Glas. Ich trinke und stelle es auf den Boden neben das Bett.

Dann lege ich mich wieder hin.

Seine Hand landet auf meinem Bauch.

Nur eine Hand.

Warm und schwer.

Mein Körper wird unter ihr ruhig.

Sein Daumen bewegt sich irgendwann ein kleines Stück über meine Haut. Mehr ein Streichen als eine Absicht.

Ich drehe den Kopf zu ihm.

Da ist sie wieder.

Nicht dieselbe Lust wie vorher.

Eine neue.

Ich schiebe mich näher zu ihm und lege mein Bein über seines.

Er küsst mich.

Und dieses Mal brauche ich keine Zeit, um seinen Mund kennenzulernen.

Ich kenne ihn jetzt.

Zumindest ein bisschen.

Irgendwann ziehen wir uns gegenseitig die T-Shirts aus. Mein Top folgt. Es geschieht beinahe nebenbei.

Und auf einmal ist da Haut.

Meine Brust an seinem Oberkörper. Mein Bauch an seinem. Sein Arm an meiner Seite.

Die Wärme ist anders als vorher.

Direkter.

Ich fahre mit der Hand über seine Schulter und den Rücken hinunter. Er streicht über meine Seite, über meinen Bauch, wieder zurück. Ich spüre seine Fingerspitzen und kurz darauf seine ganze Hand.

Unsere Hosen bleiben an.

Ich mag das.

Ich mag die Grenze aus Stoff und die Nähe gleichzeitig.

Als seine Hand an meiner Shorts landet, halte ich sie für einen Moment fest.

„Die möchte ich anlassen.“

Er sieht mich an und nickt.

„Okay.“

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Seine Hand bleibt dort, wo sie ist.

Auf dem Stoff.

Später liegt sie an meinem unteren Rücken, während wir uns wieder bewegen. Vorne sein Körper, hinten seine Hand.

Und dazwischen ich.

Nicht festgehalten.

Begleitet.

Ich kann mich gegen ihn drücken und wieder Platz entstehen lassen. Kann größer werden in meiner Bewegung und wieder klein. Manchmal kreist mein Becken, manchmal kippt es nur ein wenig. Manchmal bewegt es sich so langsam, dass ich kaum sagen könnte, ob es sich überhaupt noch bewegt.

Und wieder entsteht irgendwann Ruhe.

Diesmal weiß ich schon, dass sie nichts beendet.

Wir liegen herum.

Reden ein bisschen.

Ich weiß später nicht einmal mehr, worüber.

Dann streicht sein Fuß zufällig an meinem Bein entlang und ich schaue zu ihm.

Er schaut zurück.

Ich muss lachen.

„Was?“, fragt er.

„Nichts.“

Das kenne ich schon.

Die nächste Welle beginnt so unspektakulär, dass ich ihren Anfang verpasse.

Irgendwann liege ich auf ihm.

Meine Hände stützen sich neben seinen Schultern ab. Seine liegen an meinen Hüften.

Ich bewege mich wieder.

Diesmal ausgelassener.

Mein Becken darf tanzen.

Ich probiere Bewegungen aus, ohne zu wissen, wie sie aussehen. Langsame, größere, dann wieder winzige. Manchmal findet er mich sofort. Manchmal brauchen unsere Körper ein paar Augenblicke.

Meine Haare fallen nach vorne.

Einige Strähnen streifen über meine Wange und kitzeln an meiner Nase. Andere fallen in sein Gesicht.

Er kneift ein Auge zu.

Ich lache.

„Sorry.“

„Lass.“

Also lasse ich sie.

Während ich mich über ihm bewege, streichen meine Haare über seine Stirn, seine Wange, manchmal über seinen Mund. Ich spüre sie gleichzeitig in meinem eigenen Gesicht und stelle mir für einen Moment vor, wie sie sich auf seiner Haut anfühlen.

Weich.

Ungeordnet.

Ein bisschen lästig vielleicht.

Ich beuge mich weiter zu ihm hinunter.

Unsere Münder finden sich wieder.

Meine Haare hängen jetzt wie ein kleiner Vorhang um unsere Gesichter und plötzlich gibt es nur noch seinen Mund, seinen Atem, seine Hände an meinen Seiten und die Bewegung unserer Körper.

Mein Atem wird voller.

Ich höre ihn diesmal.

Ein Geräusch beim Ausatmen, das ich nicht geplant habe.

Auch das darf einfach da sein.

Dann werde ich langsamer.

Mein Mund wird langsamer.

Mein Becken auch.

Ich hebe den Kopf und sehe ihn an.

Ein paar Haarsträhnen hängen mir quer durchs Gesicht.

Er schiebt eine davon zur Seite.

Und für einige Sekunden bewegen wir uns kaum.

Dann noch eine kleine Bewegung.

Noch eine.

Bis auch diese Welle irgendwann einfach ausläuft.

Später liegen wir nebeneinander, ein wenig zerzaust, ein wenig verschwitzt, die Hosen noch immer an.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist.

Es fühlt sich nach viel an.

Und gleichzeitig nach überhaupt keiner.

Seine Hand liegt neben meiner auf der Matratze. Unsere kleinen Finger berühren sich.

„War das jetzt eigentlich Frühstück?“, fragt er.

Ich drehe mich zu ihm.

„Definitiv.“

„Gut.“

„Warum?“

Er schaut zur Tür.

„Weil ich noch Hunger habe.“

Ich lache.

Wir stehen auf und suchen unsere Oberteile zusammen. Meines liegt halb unter dem Bett, seines irgendwo in der Nähe der Tür.

Als wir wenig später wieder am Frühstückstisch sitzen, sieht alles fast genauso aus wie vorher.

Die Kaffeetassen.

Das Brot.

Das offene Marmeladenglas.

Nur wir sehen ein bisschen anders aus.

Seine Haare waren vorher schon zerzaust. Jetzt sind sie hoffnungslos.

Ich fahre mir durch meine eigenen und stelle fest, dass es bei mir vermutlich nicht besser aussieht.

Er sieht mich an.

Ich sehe zurück.

Und wieder ist da dieses kleine Grinsen.

Ich nehme mein Brot in die Hand.

Mein Körper fühlt sich warm an, wach und angenehm schwer.

Nichts in mir wartet darauf, noch zu Ende gebracht zu werden.

Ich bin einfach satt.

Und dann fällt mein Blick auf sein Brot.

„Gibst du mir mal die Marmelade?“

Er nimmt den Löffel.

Und hält ihn mir hin.