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Menschen kommen zu mir, weil sie zum Beispiel wenig Lust erleben. Weil sie allein wie gewünscht zum Orgasmus kommen, mit einer anderen Person aber nicht. Weil Sex in ihrer Beziehung seltener geworden ist. Weil sie sich beim Sex unter Druck setzen, ihren Körper besser kennenlernen möchten oder neugierig darauf sind, was Sexualität für sie noch sein könnte.
Das können sehr persönliche und auch belastende Themen sein. Trotzdem brauchen sie nicht automatisch eine Sexualtherapie.
Gleichzeitig kann Sexualcoaching nicht alles auffangen. Es ersetzt weder medizinische Diagnostik noch Psychotherapie und setzt eine gewisse psychische Stabilität voraus.
Wo also verläuft die Grenze? Was unterscheidet Sexualcoaching von Sexualtherapie? Und woran kannst du erkennen, welche Form der Begleitung für dich gerade sinnvoll sein könnte?
Sexualcoaching oder Sexualtherapie – eine erste Orientierung
Ganz grob würde ich es so unterscheiden:
Sexualcoaching kann passend sein, wenn du grundsätzlich psychisch stabil bist und deine Sexualität besser verstehen, verändern oder erforschen möchtest. Dabei darf es durchaus konkrete Schwierigkeiten geben: wenig Lust, Orgasmusschwierigkeiten, Unsicherheit beim Sex, Leistungsdruck, unterschiedliche Bedürfnisse in einer Partnerschaft oder Schwierigkeiten, über Wünsche und Grenzen zu sprechen.
Sexualtherapie richtet sich gezielt an sexuelle Probleme und Störungen und verbindet sexualwissenschaftliches Wissen mit therapeutischen Verfahren. Sie kann Psychotherapie sein – muss es aber nicht allein deshalb sein, weil das Wort „Therapie“ im Angebot steht. Entscheidend ist die Grundqualifikation der Person, die sie anbietet.
Eine psychotherapeutische Behandlung ist wichtig, wenn eine psychische Erkrankung oder akute psychische Krise im Vordergrund steht und behandelt werden muss. Sexualität kann dabei selbstverständlich ein wichtiges Thema sein.
Und manchmal ist beides sinnvoll. Ein Mensch kann psychotherapeutisch gut begleitet und gleichzeitig stabil genug sein, um sich in einem Sexualcoaching einem konkreten sexuellen Anliegen oder der eigenen sexuellen Entwicklung zu widmen.
Die Grenzen sind also weniger ordentlich, als die Begriffe zunächst vermuten lassen.
Kurz gesagt: Ein sexuelles Problem ist nicht automatisch ein Therapiefall. Entscheidend ist, welchen Rahmen dein Anliegen braucht.
Was ist Sexualcoaching?
„Sexualcoach“ ist keine einheitliche Berufsbezeichnung mit einem festgelegten Ausbildungsgang. Entsprechend unterschiedlich kann das sein, was Menschen unter Sexualcoaching anbieten.
In meiner Arbeit bedeutet Sexualcoaching zunächst: Wir schauen gemeinsam auf ein konkretes Anliegen und erforschen, was dort tatsächlich passiert.
Das kann sehr gesprächsorientiert sein. Wir können Zusammenhänge verstehen, Vorstellungen über Sexualität hinterfragen, Wissen ergänzen oder Dynamiken in Beziehungen anschauen - und konkrete Möglichkeiten entwickeln, etwas anders auszuprobieren.
Es kann aber auch körperorientiert werden. Wie bemerkst du eigentlich, dass Erregung beginnt? Wo entsteht Spannung? Was passiert mit deinem Atem? Welche Berührung beantwortet dein Körper – und welche nicht? Was verändert sich, wenn du langsamer wirst, dich bewegst oder etwas anders machst als gewohnt?
Sexualcoaching ist für mich deshalb weder reine Problemlösung noch sexuelle Selbstoptimierung. Manchmal geht es tatsächlich darum, mit einer Schwierigkeit anders umgehen zu können. Manchmal geht es um Entwicklung. Und manchmal schlicht um die Neugier: Was gibt es hier noch zu entdecken?
Dabei ist eine Voraussetzung wichtig: Coaching braucht eine gewisse psychische Stabilität. Du brauchst die Fähigkeit, dich selbst wahrzunehmen, zu reflektieren, Entscheidungen zu treffen, Grenzen zu kommunizieren und Erfahrungen zu integrieren.
Eine psychische Diagnose schließt Coaching deshalb nicht automatisch aus. Eine akute psychische Krise kann es dagegen sehr wohl tun.
Und was ist Sexualtherapie?
Hier wird es begrifflich etwas komplizierter.
Sexualtherapie beschäftigt sich fachlich mit sexuellen Problemen und Störungen und kann dabei körperliche, psychische, partnerschaftliche und biografische Faktoren einbeziehen. Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung beschreibt sexuelle Störungen ausdrücklich als ein wichtiges Feld psychotherapeutischen Handelns. Ihre zertifizierte Weiterbildung in Sexualtherapie richtet sich entsprechend an Menschen mit psychotherapeutischer Ausbildung oder vergleichbarer Qualifikation.
Daraus lässt sich allerdings nicht umgekehrt schließen, dass jede Person, die „Sexualtherapie“ anbietet, genau diese Ausbildung durchlaufen hat.
Ähnlich ist es bei Paartherapie. Hinter der Bezeichnung können sehr unterschiedliche Grundberufe, Ausbildungen und Arbeitsweisen stehen. Bei Paar- oder Sexualtherapie lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen: Welche Grundqualifikation hat die Person? Welche Weiterbildung? Arbeitet sie heilkundlich oder beratend? Und für welche Themen ist sie tatsächlich ausgebildet?
Das Wort Therapie allein beantwortet diese Fragen noch nicht.
Was ist dann Psychotherapie?
Hier ist die Rechtslage wesentlich eindeutiger.
Die Berufsbezeichnungen „Psychotherapeutin“ und „Psychotherapeut“ sind in Deutschland gesetzlich geschützt und grundsätzlich an eine entsprechende Approbation beziehungsweise die im Psychotherapeutengesetz geregelten Berechtigungen gebunden.
Das Gesetz definiert Psychotherapie als Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie angezeigt ist. Tätigkeiten, die beispielsweise ausschließlich der Bewältigung sozialer Konflikte oder anderen Zwecken außerhalb der Heilkunde dienen, gehören ausdrücklich nicht dazu.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn ein Konflikt in einer Partnerschaft ist nicht automatisch eine psychische Erkrankung. Und Schwierigkeiten mit der eigenen Sexualität bedeuten nicht automatisch, dass eine psychotherapeutische Behandlung notwendig ist.
Umgekehrt darf Coaching nicht zur Psychotherapie umetikettiert werden, wenn tatsächlich eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung vorliegt.
Gut zu wissen: Therapie ist nicht dasselbe wie Psychotherapie. Psychotherapie bezeichnet die Behandlung von Störungen mit Krankheitswert und ist gesetzlich geregelt.
Drei Beispiele – und warum die Grenze manchmal ziemlich klar und manchmal fließend ist
Beispiel 1: Sexualcoaching
Eine Frau erlebt allein zuverlässig Orgasmen, beim Sex mit einem Partner dagegen kaum. Sie ist psychisch stabil und möchte verstehen, was sich verändert, sobald eine andere Person beteiligt ist.
Wir könnten untersuchen, wohin ihre Aufmerksamkeit wandert, wie sich ihre Körperspannung verändert, was mit ihrer Erregung geschieht und welche Vorstellungen darüber auftauchen, was jetzt passieren oder wie schnell sie zum Orgasmus kommen sollte.
Das kann ein sehr konkretes Anliegen für Sexualcoaching sein.
Beispiel 2: Es braucht einen therapeutischen Rahmen
Jemand meldet sich wegen sexueller Schwierigkeiten, befindet sich gleichzeitig aber in einer akuten schweren psychischen Krise. Der Alltag ist kaum zu bewältigen, Selbstregulation und Stabilität fehlen gerade weitgehend.
Dann wäre für mich nicht der Zeitpunkt, im Coaching sexuelle Entwicklung anzustoßen. Die psychische Stabilisierung und eine dafür qualifizierte Behandlung haben zunächst Vorrang.
Beispiel 3: Psychotherapie und Sexualcoaching nebeneinander
Eine Person ist aufgrund einer psychischen Erkrankung oder belastender Erfahrungen bereits psychotherapeutisch angebunden und inzwischen ausreichend stabil.
Gleichzeitig entsteht der Wunsch, Sexualität nicht ausschließlich unter dem Blickwinkel der eigenen Geschichte oder Symptomatik zu betrachten, sondern etwas Neues zu erfahren: den eigenen Körper genauer wahrnehmen, Erregung erforschen, mit Bewegung experimentieren, eigene Wünsche entdecken oder Sexualität anders gestalten.
Dann können Psychotherapie und Sexualcoaching unterschiedliche Aufgaben erfüllen und sich – bei klaren Zuständigkeiten und wenn nötig in Abstimmung – ergänzen.
Es muss kein Entweder-Oder sein: Psychotherapie und Sexualcoaching können unterschiedliche Aufgaben übernehmen - und sich sinnvoll ergänzen.
Wann gehört ein sexuelles Problem medizinisch abgeklärt?
Auch kann Sexualcoaching keine medizinische Diagnostik ersetzen.
Gerade bei Schmerzen ist mir wichtig, mögliche körperliche Ursachen abklären zu lassen. Das gilt auch für neu auftretende oder anhaltende Erektionsprobleme.
Je nach Beschwerden können unterschiedliche Fachrichtungen sinnvoll sein. Bei wiederkehrenden Schmerzen im Beckenbereich oder bestimmten Blasenbeschwerden kann beispielsweise auch eine spezialisierte Untersuchung des Beckenbodens sinnvoll sein.
Medizinische Abklärung und Sexualcoaching schließen sich dabei nicht aus. Manchmal braucht es gerade beides: die Frage, ob körperlich etwas behandelt werden muss, und die Frage, was ein Mensch darüber hinaus in seiner Sexualität wahrnimmt und verändern oder entdecken möchte.
Ist Körperarbeit noch Sexualcoaching?
Für meine eigene Arbeit unterscheide ich hier bewusst.
Sexualcoaching kann körperorientiert sein, ohne dass ich eine Person berühre. Wahrnehmung, Atem, Bewegung, Spannung oder kleine experimentelle Übungen können Teil eines Coachings sein.
Körperarbeit mit Berührung ist für mich noch einmal ein eigener Rahmen.
Wenn ich vom Gespräch in eine berührungsorientierte Arbeit wechsle, geschieht das nicht beiläufig. Es braucht eine klare Vereinbarung darüber, was wir tun, wozu wir es tun und welche Grenzen gelten. Meine Arbeit in diesem Bereich ist unter anderem durch meine Ausbildung in Sexological Bodywork geprägt.
Deshalb würde ich einer Aussage widersprechen, Sexualcoaching sei grundsätzlich ausschließlich gesprächsbasiert und fände als eine Art mentales Training statt. Gleichzeitig finde ich es wichtig, Gespräch, körperorientiertes Coaching und Berührungsarbeit nicht in einen Topf zu werfen.
Woran erkenne ich, welche Begleitung zu mir passt?
Ich würde nicht allein auf die Bezeichnung auf einer Website schauen.
Interessanter sind Fragen wie: Welche Ausbildung hat diese Person? Wie arbeitet sie konkret? Wo liegen ihre fachlichen Grenzen? Erkennt sie, wann medizinische oder psychotherapeutische Unterstützung gebraucht wird? Kann sie erklären, warum sie eine bestimmte Methode vorschlägt? Und ist transparent, was in einer Sitzung passieren kann und was nicht?
Gerade im Bereich Sexualität finde ich außerdem wichtig, dass Grenzen und Einwilligung nicht nur schöne Begriffe auf einer Website sind, sondern Teil der tatsächlichen Arbeitsweise.
Und natürlich muss auch die persönliche Passung stimmen. Sexualität ist ein intimer Bereich. Fachliche Qualifikation ist wichtig – und gleichzeitig solltest du dich mit der Person so sicher fühlen, dass du ehrlich sein, Fragen stellen und auch Nein sagen kannst.
Wie ich diese Grenze in meiner Arbeit halte
Ich begleite seit 2017 Einzelpersonen und Paare zu Anliegen rund um Körper, Sexualität und Partnerschaft.
Dabei arbeite ich systemisch und körperorientiert und verbinde unter anderem Ansätze aus Sexological Bodywork und Sexocorporel mit Coaching und Paarbegleitung.
Im Vorgespräch geht es deshalb nicht nur darum, ob du mit mir arbeiten möchtest. Ich schaue auch darauf, ob ich für dein Anliegen die passende Person bin und ob Coaching beziehungsweise Körperarbeit gerade der richtige Rahmen ist.
Manchmal gehört zu guter Begleitung auch der Satz: Das solltest du medizinisch abklären lassen. Oder: Dafür braucht es gerade einen psychotherapeutischen Rahmen.
Und manchmal lautet die Antwort: Ja. Damit können wir arbeiten.
Nicht weil mit dir oder deiner Sexualität etwas „krank“ sein müsste. Sondern weil Sexualität etwas ist, das wir lernen, erforschen, verändern – und ein Leben lang weiter kennenlernen können.
Quellen & weiterführende Informationen
Bundesministerium der Justiz / Bundesamt für Justiz: Psychotherapeutengesetz (PsychThG), insbesondere § 1.
Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS): Weiterbildung Sexualtherapie.
Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS): Kriterien für die Zertifizierung der Weiterbildung Sexualtherapie.